Innenwelt

Leipzig: die Eingeborenen sind ein kurioses Volk. Sie mögen es nicht, wenn man sich entschuldigt, und noch weniger, wenn man sich für etwas bedankt. Es ist dann, als spräche man in ihnen eine nicht vorhandene Instanz an, und automatisch steht man als jemand da, der sich und seine Höflichkeitsfloskeln zu wichtig nimmt. Die Menschen scheinen sich ─ nicht unähnlich den Ostwestfalen, aber eindeutiger als diese ─ nicht als Individuen, sondern als Naturfunktionen wahrzunehmen. Der Umgang ist zugleich unkomplizierter und rauher, aber das Rauhe entspringt eher einer Scheu: der Scheu des Innerlichkeitsmenschen vor der Außenwelt. Diese etwas peinliche Angelegenheit, die man »deutsche Innerlichkeit« genannt hat ─ hier scheint ihr Epizentrum zu sein (schon daß die Kinder Namen bekommen, erscheint als leichte Inkonsequenz oder Übertreibung). Es leuchtet sofort ein, warum der Katholizismus hier so schwach ist mit seiner Dialektik von Ordnung und Freiheit; das Leben wird im Grunde weder vom einen noch vom anderen bestimmt (nur ein katholischer Denker, das ist klar, hat die Monade als dialektische Einheit von Ordnung und Freiheit konzipieren können). Wird auf einem großen Platz ein Markt aufgebaut, sieht es gleich aus wie in Sambia; alles wird sofort zu einem häßlichen Chaos ohne Raumsinn; Eindruck des Verwüsteten; das genaue Gegenteil von Hessen, wo die Unordnung des Marktes sich stets »gotisch« zu einem paradiesischen Labyrinth konfiguriert. Kein Sinn fürs Äußere; Modisches wirkt wie angeklebt; keinerlei Urbanität. Daher auch die Anfälligkeit für die Volkstumsromantik, welcher Linke und Rechte anhängen, voneinander kaum zu unterscheiden. Auch die Rechten sind hier Linksvölkische, und die Linken sind es sowieso. Es gibt in dieser Stadt auch ein Literaturinstitut, an dem Lyriker, die Linksvölkische sind, vor sich selbst in die Postmoderne zu fliehen versuchen, die ja aber auch schon eine längst vergangene und insofern ziemlich deprimierende Sache ist. Aber die Fliehenden bleiben natürlich die, die sie sind ─ ihre Lyrik ist linksvölkisches Bardentum ─, und lesen Erich Mühsam. In summa: es lebt sich gut in dieser sehr in die Natur, sehr in die Innenwelt eingesenkten deutschen Stadt, bei gleichzeitiger Abwesenheit aller wesentlichen Dinge. Die jungen Leute mimen das gute Leben, indem sie mit Ruderbooten über die kleinen Flüsse und Kanäle fahren.

26. V. 17, Leipzig. Es sei gestattet, daß dieser Eintrag, der, da ortsgebunden und einen Ort in der Landschaft schildernd, eigentlich in die Mappe »Herzlandschaft« gehört, ausnahmsweise in der »Romanischen Halle« erscheint.

Nachwelt

Seit Leibniz sollte kein Autor mit der »Nachwelt« rechnen. Wenn du selbst deine Dinge nicht in Ordnung bringst, tut es niemand. Wenn dir selbst jene Synthese deiner Intentionen nicht gelingt, die wir »Form« nennen, gelingt sie niemandem mehr. Selbst Ernst Jünger verfaßte entgegen seiner Überzeugung, daß unter sein Niveau geht, wer sich selbst kommentiert, unzählige Adnoten und Selbstkommentare zum Thema des »Arbeiters«. Die Verantwortung des Autors besteht darin, ein möglichst genauer Leser seiner selbst zu sein und dadurch eine Präzision des Ausdrucks zu erreichen, die nicht mit »Verständlichkeit« verwechselt werden darf (es gibt keine unverständlichen Texte und deshalb auch keine eigens verständlichen). Die Katastrophengeschichte der Moderne läßt sich als Geschichte der mißlungenen Leibniz-Überlieferung und -Rezeption lesen. Das Hölderlin-Wort, wonach das Lebendigste liebt, wer das Tiefste gedacht hat, läßt den Umkehrschluß zu, daß tötet, wer nicht denkt. Die Bereitschaft, zu töten (das entangulierte Tier) war am Werk, als die Fensterlosigkeit der Monade zu deren Teilhabe an einer allgemeinen Weltsubstanz verklärt wurde. Die Substantialisierung der Welt bringt die Konfiguration der unzähligen Einzelwelten und -substanzen zum Verschwinden und verhilft den Gesetzen der Setzer zur Herrschaft, die sich dem Geist der Setzung, den wir Tradition nennen, entwunden haben. Da derart die Zeit außerkraft gesetzt ist ─ wie sollte es überhaupt eine Nachwelt geben?

26. V. 17, Leipzig

Klage

Von allen großen dichterischen Leistungen Rilkes die größte war sein werkloses Warten im Jahrzehnt nach dem Malte. Es war kein gelassenes Warten, sondern, in seinen Briefen, voller Sorge und Klage, und das macht es nur umso größer. »Warum schwieg er nicht wenigstens davon, wenn er schon nichts tat?«, fragt der Bürger und wünscht sich, Rilke wäre ein wenig weiser gewesen. Der Weise ist das Vorbild des Bürgers. Er ist es deshalb, weil die Weisheit schweigsam ist. Sie stört nicht die Gewißheiten, man muß sich weiter nichts dazu denken. Einen Guru brauchst du nur in seinem Gurutum zu bestätigen, schon ist er zufrieden. In der Neuzeit sind sogar die Priester zu Weisen geworden. Die Weisheit stellt keine Ansprüche oder höchstens gleichgültige, sie ist kein Wissen, das man sich aneignen müßte. Wenn die Armen schon arm sind, so sollen sie wenigstens weise werden. Die Klagen Rilkes sind die paradigmatischen eines Dichters. Dichter sind keine Weisen, und wenn sie es sind, so nur aus Zufall. Wäre der Dichter ein Weiser, hätten wir viele der herrlichsten Psalmen nicht. Die Klage ist eine der ältesten Konfigurationen des Dichterischen.

25. V. 17 (Christi Himmelfahrt), Leipzig

Geist

Wenn der Bürger wandert, kommt er mit gestärktem Geist zurück, seine Lebendigkeit ist noch etwas penetranter geworden. Wir aber wandern, um den Geist zu zerrütten, das Leben durchscheinend zu machen. Jeder Wanderer ist Hölderlin auf dem Rückweg von Bordeaux. Wir machen uns bereit, alles fortzuwerfen: morgen wirst du ein Anderer sein: der Andere, Fremde. Nichts deutete auf diese Verwandlung hin. Aber die Langsamkeit und Stetigkeit des Wanderns ist nur der Schein über einer großen Schnelligkeit, darin der Landschaft gleichend mit ihren kühnen Wechseln. Noch an den äußersten Rändern der Leipziger Tieflandsbucht gibt es Stellen, an denen die Ebene unbegrenzt und ewig zu sein scheint; keiner der doch so nahen Hügel zeigt sich. Erst im letzten Augenblick vor Erreichen der Schwelle taucht eine jener geisterhaften Höhenlinien auf, die von der Werra her Thüringen durchziehen ‒ und schon ist eine völlig neue Bühne betreten.

25. V. 17 (Christi Himmelfahrt), Leipzig

Land

DSC04800Am Anfang war das Land. Es ist das erste Gegebene, die Gegebenheit schlechthin. Wenn ich vor die Tür trete und das Land erblicke (wir können dies sofort, an jedem Ort), bin ich Steinzeitmensch am Ende der Eiszeit, von einer Muschelkalkhöhe aus die vom Eis freigegebenen Urstromtäler überblickend. Das Land ist gut und immer da; es entschwindet nicht, es schimmert durch jede Versiegelung, jede Bebauung. Alle Vorzeitformen bleiben kenntlich. Spuren, welche Menschen erst gestern hinterließen, liegen heute schon in einer fernen Vergangenheit, und solche, die vor Jahrtausenden eingefurcht wurden, sind aktuell wie die Nachrichten im TV. Das Land ist das Vollbringende; was wir vollbringen, vollbringen wir durch das Land oder gar nicht; wir können es nicht verleugnen. Der Mensch ist homo terrenus, und alles Himmlische, das ihm geschieht, die Gnade, geschieht ihm im Medium der Erde, des Körpers. Die Erde und der Körper sind Bedingungen der Möglichkeit des Einsetzens der Gnade: deren Wurzelhalt. Wir schlafen an der Wurzel Jesse, und die Himmelsleiter wird zu uns herabgelassen. Der »Geist« tut nichts hinzu, er ist nur eine besondere, wenn auch unentbehrliche Manifestation des Körperlichen, der Materie. Er und seine Hervorbringungen lassen sich betrachten, wie man eine Stubenfliege betrachtet, und erst dieser Blick, der ihn ganz in die Natur einsenkt, wird im gerecht. Wir gehen über die Erde, das Land, und der Irrtum des »Geistigen« ist wettgemacht. Es ist schwierig, sich einen Neuplatoniker vorzustellen, der geht. Brüteten sie nicht dumpf in ihren langweiligen Schulen? Gingen höchstens, wichtigtuerisches Zeug quatschend, im Hof oder Garten spazieren? Aber sogar Päpste fielen auf diese Spiritualisten, die ersten Salafisten und Modernisten, herein. Die Alten dagegen hatten recht: der Himmel ist in der Erde, ganz von ihr umgeben; jeder Schritt ist ein Schritt nach innen, die Innenwelt ist nichts als eine Konfiguration des Äußeren, der Oberflächen. Sie emaniert nicht aus einem Ursprung, sondern emergiert aus der Grenze. In das Land, das immer Grenzland ist, führt der geheimnisvolle Weg. »Vorwärts in den Ursprung«: Inbegriff des Betrugs.

17. V. 17, Lützen

Plädoyer

Ich plädiere für das Ende der Plädoyers. Niemand hat etwas von ihnen, nicht einmal die Plädoyanten selbst, und doch sind die Bücher, Zeitungen, Blogs und Sozialen Medien voll davon. Man kann zum Beispiel nicht für die Christlichkeit Europas plädieren, sondern nur christlich denken. Der Liebende plädiert nicht für die Liebe, sondern liebt, und wer es nicht tut, kann nicht über die Liebe sprechen. Es versteht nicht die Armut, und es kann nicht die Verhaltensweisen der Armen beurteilen, wer nie arm war, und gute Texte werden nicht dadurch geschrieben, daß man für den rechten Gebrauch der Sprache plädiert, sondern daß diese gesprochen und gelehrt wird (die Lehre ist kein Plädoyer, sondern ein Modus des Sachgehalts selbst). Man kann für die Förderung der Familie plädieren, aber dadurch ist noch nicht die Familie gefördert, und wo die konkreten rechtlichen Bedingungen solcher Förderung erörtert werden, ist bereits der Raum des Plädoyers verlassen, dessen es nicht bedurft hätte, mag der Plädoyant sich auch das Gegenteil einbilden, nur weil er eine Eule nach Athen getragen hat. Gewiß ist es begreiflich, wenn auf den Verfall der Bildung mit Plädoyers für mehr Bildung reagiert wird, aber auf den Gedanken, daß diese Plädoyers selbst in ihrer regelmäßigen Dümmlichkeit ein Produkt des Verfalls sind, kommt niemand. Alles muß durch den Gedanken, die Erkenntnis, die réalisation hindurch. Ist dieser Schritt aber gegangen, ist es auch schon unmöglich geworden, sich in der Scheinwelt der Plädoyanten des Sprachsurrogats des Plädoyers zu befleißigen und dessen gute Intention anzuerkennen. Zwischen dem Plädoyer und dem Sachgehalt liegt das kleinste Nadelöhr, die größte Kluft. Man kann nicht für etwas plädieren, sondern es nur tun oder lassen.

22. V. 17, Leipzig

Spiel

Das beste Leben wäre: 12 Stunden gehen, 12 Stunden schlafen, immer im Wechsel. Gehen und Schlaf: die beiden Grundweisen oder -tätigkeiten des Menschen, Inbegriff seiner Wachheit. Alles andere nimmt für diesen, den wachen Standpunkt die Figur des Traums an, der manchmal sein muß, dem man sich aber nicht überlassen soll. Wer nicht geht oder schläft, träumt; was ein Großteil der modernen Menschen für tätiges Leben hält, ist in Wahrheit Traum. Alles ist immer umgekehrt, als die Leute sagen. Statt gehen freilich sag: in Bewegung sein. Denk nicht nur an dein Wandern, sondern an die Krankenschwester, die von Besorgung zu Besorgung, von Patient zu Patient läuft, immer auf den Beinen; denk an die mittelalterlichen Baumeister der Dome, die modernen Erbauer von Häusern, Straßen, Trassen, Leitungen; an die Bewirtschafter der Städte wie des Landes. Wer sich viel bewegt, braucht viel Schlaf, wer viel schläft, ist sofort wieder bereit, sich zu bewegen. 12:12: das Ideal. Du setzt diese Lebensillusion ‒ denn vielleicht ist es eine ‒ absolut, bildest dir auf die vollkommenste Weise diesen Gedanken ein ‒ und verstehst plötzlich nicht mehr, woher die Nebenmenschen Zeit und Raum für ihre Händel, ihre Unterhaltungen, ihre Kunst, für ihr Fressen, Saufen und Fettwerden nehmen. Sie haben sich in einer Traumwelt verfangen und hätten freilich jedes Recht, dasselbe dir vorzuwerfen, der du nichts bist als ein »Schriftsteller« auf seiner Letzten Wanderung, dessen »gutes Leben« wie das Spiel eines Kindes im Wald ist. Jetzt noch »ewig« (denn das Kind befindet sich mitten in den Wäldern von Kanada, auf einer atemberaubenden Flucht vor der Polizei), wird gleich schon das Spiel vom Ruf der Mutter beendet werden, und es war alles nur die Konfiguration einer Frist. Wie haben je Bücher, deine und die der anderen, entstehen können? Im guten Leben können sie nicht entstehen, im schlechten auch nicht, und des Rätsels Lösung ist: jedes Buch, das diese Bezeichnung verdient, ist die Konfiguration einer Frist und also das letzte, bevor der Ruf der Mutter das Spiel beendet. Seßhaft schreibend, stillsitzend schreibend, hast du schon an dem Ast gesägt, auf dem du sitzt, hast die Trägheit eingeübt, welche siegen will, indem die Verhältnisse, in denen du schreiben kannst, dir entschwinden. Achte einmal darauf, wie wenige geglückte Spätwerke es gibt. Die »Melancholie der Spätwerke« ist die Melancholie der wie Wasser zwischen den Fingern zerrinnenden Zeit. Aber nur das spielende Kind kann verstehen, wie jahrtausendelang die Menschen gelebt haben. Das Mittagessen, zu dem die Mutter ruft, ist nicht eine kurze Unterbrechung des Spiels, sondern dessen endgültiges Ende. Der Faden ist verloren, die Wiederaufnahme gelingt nicht. Und eben dies ist die Welt des »tätigen«, in Wahrheit aber nur träumenden modernen Menschen: ein ewiges Mittagessen. Man hat sich hingesetzt, ißt und steht und steht nicht mehr auf. Und es wird der Tag kommen, an dem das Kind die Kraft, zu widerstehen, verloren hat. Es setzt sich an den Tisch der anderen, ißt ‒ und wird, sitzend und essend, vergessen haben, was der tiefe Ernst seines Spiels gewesen war.

22. V. 17, Leipzig