>>> Karl Krolow liest Valéry
Band I und V der Cahiers von Paul Valéry kaufte ich mir vor einigen Jahren aus der Bibliothek von Karl Krolow, die in einem Frankfurter Antiquariat angeboten wurde. Namensstempel auf dem Vorsatzblatt. Das Vorwort hat er aufmerksam gelesen — Anstreichungen mit Kugelschreiber —, von Band I sonst, scheints, aber nur knapp hundert Seiten, beginnend mit Seite 158. Was interessierte ihn, den Lyriker? Zum Beispiel, dass Valéry, »was die Phantasie angeht«, die Physik und die Mathematik »weit aufregender, reicher usw.« fand als die Poesie. Das ist er ja auch, der Kern der Cahiers: der Exodus aus der Literatur in die Realien, um durch sie zu jener metaphysischen réalisation des Herzens zu gelangen, von der die Literaten so oft nichts wissen, mögen sie noch so inständig die irrationale Schaffenskraft beschwören. Der Dichter — daran unter anderem erkennst du ihn — wird demgegenüber stets das Rationale und das Technische verteidigen, und sei es nur, um, wie Valéry, den dunklen Punkt zu verbergen, an dem tatsächlich das Entscheidende sich ereignet, das die Literaten hilflos Inspiration nennen und im Unbewussten vermuten. Valéry nennt die chôra seiner réalisation: seine »Sensibilität«, in guter Anknüpfung an das von ihm so geliebte 18. Jahrhundert, das noch in seinen extremsten Vorstößen von dem archimedischen Punkt wusste, der nicht verlassen werden darf. Das Projekt: »aus der Sensibilität heraus etwas ausbilden, das die Leere füllt« — und zwar nicht mit Gestalten einer bloßen Sehnsucht nach Tiefe, sondern mit den reellen Formen, die den Gegensatz von Oberfläche und Tiefe nicht kennen. Der redliche Karl Krolow aber, von dem wir so viele wirklich schöne Gedichte besitzen? Er verfolgt diese aufregenden Gedanken mit dem Kugelschreiber in der Hand, nur um hundert Seiten später fertig zu sein mit Valéry: »naiv« lautet das Verdammungsurteil über den Satz: »Bis jetzt habe ich niemanden getroffen, dessen Sensibilität ziemlich genau mit der meinen übereinstimmte.«



