4. April 2012

>>> Karl Krolow liest Valéry

Band I und V der Cahiers von Paul Valéry kaufte ich mir vor einigen Jahren aus der Bibliothek von Karl Krolow, die in einem Frankfurter Antiquariat angeboten wurde. Namensstempel auf dem Vorsatzblatt. Das Vorwort hat er aufmerksam gelesen — Anstreichungen mit Kugelschreiber —, von Band I sonst, scheints, aber nur knapp hundert Seiten, beginnend mit Seite 158. Was interessierte ihn, den Lyriker? Zum Beispiel, dass Valéry, »was die Phantasie angeht«, die Physik und die Mathematik »weit aufregender, reicher usw.« fand als die Poesie. Das ist er ja auch, der Kern der Cahiers: der Exodus aus der Literatur in die Realien, um durch sie zu jener metaphysischen réalisation des Herzens zu gelangen, von der die Literaten so oft nichts wissen, mögen sie noch so inständig die irrationale Schaffenskraft beschwören. Der Dichter — daran unter anderem erkennst du ihn — wird demgegenüber stets das Rationale und das Technische verteidigen, und sei es nur, um, wie Valéry, den dunklen Punkt zu verbergen, an dem tatsächlich das Entscheidende sich ereignet, das die Literaten hilflos Inspiration nennen und im Unbewussten vermuten. Valéry nennt die chôra seiner réalisation: seine »Sensibilität«, in guter Anknüpfung an das von ihm so geliebte 18. Jahrhundert, das noch in seinen extremsten Vorstößen von dem archimedischen Punkt wusste, der nicht verlassen werden darf. Das Projekt: »aus der Sensibilität heraus etwas ausbilden, das die Leere füllt« — und zwar nicht mit Gestalten einer bloßen Sehnsucht nach Tiefe, sondern mit den reellen Formen, die den Gegensatz von Oberfläche und Tiefe nicht kennen. Der redliche Karl Krolow aber, von dem wir so viele wirklich schöne Gedichte besitzen? Er verfolgt diese aufregenden Gedanken mit dem Kugelschreiber in der Hand, nur um hundert Seiten später fertig zu sein mit Valéry: »naiv« lautet das Verdammungsurteil über den Satz: »Bis jetzt habe ich niemanden getroffen, dessen Sensibilität ziemlich genau mit der meinen übereinstimmte.«

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

2. April 2012, ohne Zeit

Ein Tag steigt in
die gleichende Bläue. Ein anderer
sinkt hinab unter uns, fühllos. Die Vögel
singen ihm nach. Du weißt nichts von
einem sich nimmer mehr ver-
schenkenden Herz.

Der Tag sinkt in
die gleichende Bläue. Die Vögel
halfen längst ihm auf in dein Gebet aus
Sand. Ohne Geheimnis
langt in die flüchtige Nacht
ein Stern: die Gabe.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

28. März 2012

>>> Poschardt und die Piraten

Ulf Poschardt gestern in der »Welt«: fast unentwirrbar, diese Mischung aus albernster und verlogenster bürgerlicher Reaktion und guter Analyse, die sich um den zentralen Satz rankt: »Die Ideologie des Nicht-Expertentums landet schnell bei nur gefühlten Gerechtigkeiten.« Das betrifft unmittelbar das Thema »Esoterik der Schrift«, den Zusammenhang von Sprache und Recht. Die Politik der »nur gefühlten Gerechtigkeiten«, das ist die Politik derer, die nicht mehr vom Wort, aus dem Wort, im Wort leben. Woraus leben sie? Etwas unheimlich, wohl auch unpopulär, es zu sagen: aus der Musik. Die Politik von morgen ist die Politik derer, die in den Subkulturen eine im wesentlichen musikalische Prägung erhalten haben und gar nicht wissen, wie groß die Differenz zu jeder wesentlich sprachlich verfassten ist. Denn sprechen: das kann jeder. Die nur gefühlten Gerechtigkeiten sind musikalische Gerechtigkeiten, die die Konkretion des Sprachlichen vermeiden und dies können kraft jener dogmatischen Macht, mit der sich der spiritualistische Affekt des Innen gegen das Äußerliche, der Seele gegen die Form immer neu behauptet. George Steiner hat indes schon Ende der fünfziger Jahre gesehen, wie tief der von ihm diagnostizierte »Rückzug aus dem Wort« und die zunehmend eher musikalische als sprachliche Orientierung der Bildungsschicht miteinander zusammenhängen. Heute in Deutschland können wir den Aufstieg einer ästhetizistischen Politik bestaunen, als hätte nie ein Benjamin guten Grund gehabt, diesen Körper des Behemoth zu zerschlagen. Das Element der Gewalt darin kann man nicht radikal genug kritisieren: sie beginnt in den beleidigten Gesichtern der Gutgesinnten, wenn sie von der kalten Ratio sich ihrer Aura beraubt fühlen.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

27. März 2012

>>> Benedikt Joseph Labre

Alle rechneten sie damit, dass er sich zu helfen wissen, sich helfen würde. Aber er half sich nicht.

>>> Das Mysterium der Armut (2001)

Die Aufsätze »Das Mysterium der Armut« (Oktober 2001) und »Dein Reich komme« (Januar 2002, abgedruckt in: Ende und Anfang, siehe Bild) markieren den Anfang einer geschichtstheologischen Reflexion, die ihre Fortsetzung in »Tradition und Transzendenz«, den Arbeiten zum Thema von Leopold Ziegler, Ernst Jünger und Konrad Weiß, nicht zuletzt in der Konzeption von »Esoterik der Schrift« gefunden hat.

Die Zusammenstellung alter Notizen als Traum- und Tagebuch unter dem Titel »Das Wissen der Schwalben« war für mich auch ein Wiedereintauchen in jene Zeit des Anfangens:

2. Oktober 2001: Vor ein paar Tagen zurück aus Rom. Von dort aus auch noch einmal eine Septemberwoche auf Capri verbracht. Merkwürdiger Abend wie eine Schwärzung in der Kirche Santo Stefano. Das Herz braucht Gelübde, um Gefäß zu werden. Noch merkwürdigerer Abschied aus Rom; Apollon schwarz, und Dionysos-Avalokiteshvara ihm entkommend allein als Träne. Das lässt sich nur dichten. Aber ebenfalls daraus hervorgegangen: der Aufsatz »Das Mysterium der Armut«, den ich hier gleich niederschrieb, ungewöhnlich schnell, als erste Heidelberger Tat.

6. Dezember 2001: Brenngläser der Intention meiner nächsten Arbeiten: Platons Begriff der sophrosyne und, über den Umweg Rudolf Otto, Kants Begriff der Grenze, dessen Verfehlung sich im unendlichen Gespräch und in dem sinnlosen Kreislauf von Satz und Gegensatz der »Standpunkte« rächt. Das Heilige ist die erkenntnistheoretisch zu verifizierende Sphäre, in der sich die Grenze manifestiert. Begriff des Reichs als reine Manifestation begriffen unaufgebbar.

28. Januar 2002: Innerhalb von wenigen Tagen eine lange Betrachtung fertiggeschrieben: »Dein Reich komme«. Gefühl, auf durchaus neue Weise aus dem Zentrum zu schaffen.

Den Aufsatz »Das Mysterium der Armut« veröffentliche ich nun als ersten einer kleinen Reihe von älteren Texten hier im Blog wieder.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

25. März 2012

>>> Die Angst

Die Wahrheit war wie einzig in der Manifestation der Angst sein Lehrer gewesen, war es noch jetzt. Und nicht der schlechteste zwar. Die Angst ist der wahre Schriftgelehrte. Nicht irgend eine Angst, sondern die Weltangst. »In der Welt habt ihr Angst…«. Ohne sie, die Weltangst, könnte niemals die bestimmte Angst, diese und jene, uns übermannen. Übermannen: denn sie lässt sich nicht bewältigen, nicht bezwingen. Sie ist der objektive Weltzustand, Zustand aller Zustände. Ein Schriftgelehrter und wahrer Lehrer der Schrift: denn nichts wird geschrieben, nichts verdient den Namen der Schrift, was nicht in der Angst vor der eigenen Nichtvollendung beursprungt ist. Jeder Text ist der Prophet des jeweils nächsten, und sie alle enthalten die geheimen »Elemente des Endzustands«, in denen Sprache und Recht konvergieren in der arkansten Praxis, die wir kennen: dem Gericht. Ihm gilt sie, die Weltangst. Und in ihr gleichsam realisiert es sich, das Gericht, als Esoterik des »furchtbaren Laufs«, den die Schrift durchzieht wie der Wind, wenn zwischen Trümmern er die Bläue eines unabweisbaren Versprechens stiftet, zu welchem die Fehle seiner Einlösung gehört als Definition der Schönheit im Augenblick ihrer Verhüllung. U. H. I. D. L. J. C. I. U. am Sonntag Judica 2012.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

23. März 2012

>>> Roter Teppich

Heute im blauen Silber der Frühe hatten die Stimmen der Vögel zum ersten Mal in diesem Jahr den Teppich geflochten, der seit je die Ankunft der Schwalben verheißt. Ohne ihn kommen sie nicht, wusste im Erwachen das ungestillte, hörende Herz, das plötzlich verstand, warum die Teppiche, auf denen die Könige schreiten, rot sind.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

22. März 2012

>>> Pippi Langstrumpf

Merkwürdig war, dass es so gut wie nichts zu erzählen gab von dem vergangenen Zeitalter, in dem die Menschen geglaubt hatten, die Welt sei eine Große Erzählung. Nur dies: Pippi Langstrumpf — die meisten Menschen jenes Zeitalters sollen Pippi Langstrumpf geheißen haben — sei einmal zu einem Traurigen gekommen und habe zu ihm gesagt oder gesungen: »Wir machen uns die Welt widde widde wie sie uns gefällt. Und du machst doch das gleiche, nur nicht so fröhlich wie wir. Warum tust du nicht mit uns?« Daraufhin sei der Traurige noch trauriger geworden und habe geantwortet: »Weil ich mir die Welt machen muss, wie ich sie brauche, um zu überleben.« Das sei die einzige Geschichte, die sich in dem ganzen langen Zeitalter ereignet habe. Und wenn die Menschen sie erzählen, dann zittern sie.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar